munzingen_02 117

Fototreff „ S C H L O S S M U N Z I N G E N “

Bei unserem Ausflug zur Erentrudiskapelle am, 4. Mai haben wir gesehen, dass das Gräfliche Schloss in Munzingen einen eigenen Besuch verdient. Erbaut 1672 wird es mit nur kurzen Unterbrechungen von der Gräflichen Familie von Kageneck bis heute bewohnt. Durch seine Lage an der Straße zwischen Breisach und Freiburg hat es mehrfache französische Besetzungen erlebt, so 1744 durch König Ludwig XV., der die Belagerung der damals österreichischen Stadt Freiburg vom Lorettoberg aus befehligte, oder durch einen General mit dem Faible für das Baden in Kirschwasser. Die weitverzweigte Familie hatte durch ihre umfangreichen Besitzungen in der Regio Süddeutschlands (z.B. auch Schloss Weiler in Stegen) in der Vergangenheit erheblichen Einfluss, der zu Zeiten Vorderösterreichs bis Wien reichte. So konnte die österreichische Kaisertochter Marie-Antoinette auf ihrem Brautzug von Wien durchs Höllental nach Paris im Stadtpalais der Kagenecks in Freiburg (neben FABEL in der Salzstraße) übernachten. Heute engagiert sich der Graf als Anwalt, Stadtrat und Namensgeber für eine angesehene Kellerei.

 Öffentliche Führungen durch das rein private Schloss sind nicht vorgesehen, aber die Schlossherrin ist dankenswerterweise gerne bereit, eine überschaubare Besuchergruppe durch die Schlossanlage zu führen.

 Wir betreten durch ein repräsentatives schmiedeeisernes Tor den Hof, beherrscht von einer gigantischen Linde, umstellt von vier drolligen steinernen Zwergenfiguren, vielleicht die vier Jahreszeiten oder Vorfahren unserer Gartenzwerge? Ihre Herkunft ist ungeklärt – Ludwig XV. könnte sie zusammen mit dem ersten Spargel nach Munzingen gebracht haben – eine hübsche Mär. Der Hof wird eingefriedet durch einstöckige Bauwerke, damals für Kutschen, Pferde und ihre Versorgung erbaut, heute zu Wohnzwecken umgebaut.

 Das dreistöckige Schloss mit einem zweistöckigen Dach ist im Stil der Renaissance errichtet und erhielt später eine üppige Fassadenverzierung im Stil des Rokoko. Wir gelangen in die Eingangshalle, beeindruckend durch ihre  pfeilergestützten Kreuzgewölbe. Von hier zweigt die Hauskapelle ab mit einem barocken Altar, auf dem wir Älteren eine „Missionsspardose“ für Almosen erkennen, damals verächtlich „Nickneger“ genannt – so war die Zeit. Die ehemalige Küche ist zu einem großzügigen Salon umgebaut, neuzeitlich möbliert, gut beheizbar und wird bei Familienbesuchen genutzt.

 Im Obergeschoss erreichen wir den zentralen Festsaal, erhalten im Stil seiner Erbauungszeit und beherrscht von den Portraits bedeutender Familienmitglieder, angereichert mit zeitgenössischen Dekorstücken und mancherlei Zierwaffen. Nicht zu übersehen ist ein Konzertflügel, auf dem bereits Franz Liszt gespielt hat. Um den Festsaal gruppieren sich mehrere oppulent möblierte Zimmer im Stile Louis-quince. Bemerkenswert sind die bemalten Wände und Decken, im Speisesaal ein antiker Götterhimmel. Die Schrankvitrinen lassen familiäre Gebrauchs- und Erinnerungsstücke erkennen. Ein Blickfang ist die Büste der jugendlichen Beatrix, die die Mutter des Fürsten Metternich werden sollte, dem führenden Staatsmann auf dem Wiener Kongress zur Neuordnung Europas nach Napoleon. Die gräfliche Familie bewohnt schließlich das zweite Obergeschoss, gut beheizbar und ausgestattet mit zeitgemäßem Komfort vom Bad bis zum Computer – wird uns versichert.

 Zum Abschluss kommen wir in den Garten, auch hier Bäume mit der Qualität zum Naturdenkmal und eine schattenspendende Lindenallee, die das Lustwandeln ohne Aufnahme von damals verpönter Bräune ermöglichte. Es bietet sich ein imposanter Blick auf die sonnenbeschienene Gartenfassade mit dem wappengekrönten Portal, durch das wir das gräfliche Anwesen verlassen. Wir sind sehr dankbar für diesen eindrucksvollen Besuch in eine nicht alltägliche Welt, den uns die Gräfin in kurzweiliger Form, gespickt mit Geschichte(n) und Geschichtchen, ermöglicht hat.

Anschließend, wie gewohnt, kehren wir zum gemütlichen Beisammensein in der Cafeteria des benachbarten „Schloss“hotels Reinach ein. Eigentlich befindet sich das Hotel, was manche Gäste irritiert, in den Gebäuden des ehemals zum Gräflichen Schloss gehörigen Gutshofs, das als Unikum in Deutschland über ein hauseigenes „Gefängnis“ verfügt, der ehemaligen Arrestzelle für Bedienstete, die mit Recht und Ordnung zu großzügig umgegangen waren. Jedenfalls sind Kaffee und Kuchen oder Pizza und Gehaltvolleres über jedes Lob erhaben, und wir runden unseren Schlossbesuch in hervorragender Stimmung ab.

Autor: Wolfgang Kullmer.
Bilder: Wolfgang S., Ulla, Dusan, Manfred und Georg

 

Hinterlasse eine Antwort